Drei Jahrzehnte Berlin markieren für Mariano Rinaldi Goñi (MAO) nicht nur ein persönliches Jubiläum, sondern auch dreißig Jahre künstlerischer Entwicklung, in denen sich eine unverwechselbare Bildsprache herausgebildet hat. 1996 aus Buenos Aires nach Berlin gekommen, hat Goñi hier einen eigenen Kosmos geschaffen, in dem mythologische Überlieferungen, archetypische Figuren und existentielle Themen in einer kraftvollen, expressiven Malerei aufeinandertreffen.
Anlässlich dieses Jubiläums präsentiert die Galerie Deschler ab dem 30. Oktober 2026 eine Auswahl neuer Gemälde und Arbeiten. Die Ausstellung ergänzt die gleichnamige Präsentation in der Stiftung Starke, die noch bis zum 8. November 2026 einen retrospektiven Überblick über frühere Werkphasen bietet. Während dort die Entwicklung des Künstlers über drei Jahrzehnte nachvollziehbar wird, richtet sich der Blick in der Galerie auf die Gegenwart seines Schaffens und die jüngsten Erweiterungen seines Themenfeldes.
Seit vielen Jahren beschäftigt sich Goñi mit der nordischen Mythologie, insbesondere mit den Nornen Urd, Verdandi und Skuld – jenen drei Schicksalsgestalten, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verkörpern. In seinen Gemälden werden die überlieferten Figuren nicht einfach illustriert, sondern in eine eigenständige Bildwelt überführt, in der sie als Träger grundlegender menschlicher Erfahrungen und existentieller Kräfte erscheinen.
In den neuen Arbeiten öffnet Goñi diesen Kosmos für weitere mythologische Traditionen. Eine wichtige Inspiration fand er in Tarquinia in Italien, wo er die etruskischen Gräber und ihre eindrucksvollen Wandmalereien besuchte. Dort entdeckte er für sich die Göttin Vanth, eine etruskische Gestalt, die mit dem Tod und der Unterwelt verbunden ist. Die Begegnung mit den antiken Bildwelten gab ihm den Anstoß, sich intensiver mit dieser Mythologie auseinanderzusetzen und sie in seine eigene künstlerische Vorstellungswelt aufzunehmen.
Eine weitere Inspirationsquelle bildet die indische Erzählung von The Churning of the Ocean of Milk, der Quirlung des Milchozeans. In diesem kosmischen Geschehen wirken Götter und Dämonen gemeinsam daran mit, den Ozean aufzuwühlen und den Nektar der Unsterblichkeit zu gewinnen. Aus dem Milchozean erhebt sich dabei Lakshmi, Göttin des Glücks, der Fülle und des Wohlstands. Neben ihr tritt Kali, die mit Zerstörung, Transformation und der Überwindung bestehender Ordnungen verbundene Göttin, in Goñis erweiterten mythologischen Kosmos.
Die Nornen, Vanth, Kali und Lakshmi verkörpern unterschiedliche, bisweilen gegensätzliche Kräfte. Ihre Verbindung bei Goñi beruht nicht auf einer Gleichsetzung der jeweiligen Glaubensvorstellungen, sondern auf dem, was die Religionswissenschaftlerin Ulrike Schlott als „Verstärkung durch Interferenz“ beschreibt: Archetypische Eigenschaften aus verschiedenen Kulturen überlagern und intensivieren sich, treten miteinander in Resonanz und eröffnen neue Bedeutungsebenen. Schicksal und Tod, Zerstörung und Erneuerung, Vergänglichkeit und Fülle erscheinen so als miteinander verwobene Dimensionen menschlicher Erfahrung.
Mit „30 Jahre Berlin“ verbindet Mariano Rinaldi Goñi Rückblick und Aufbruch. Die beiden Ausstellungen würdigen drei Jahrzehnte künstlerischen Wirkens in Berlin und zeigen zugleich, wie offen sein malerischer Kosmos geblieben ist. Aus der Begegnung mit alten Mythen und Bildern entwickelt sich ein lebendiger Dialog zwischen kultureller Erinnerung und persönlicher Imagination, zwischen überlieferten Symbolen und einer Gegenwart, in der diese Gestalten neue Ausdrucksformen finden.
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For Mariano Rinaldi Goñi (MAO), three decades in Berlin mark not only a personal milestone but also thirty years of artistic development, during which he has forged a distinctive visual language. Having moved from Buenos Aires to Berlin in 1996, Goñi has created his own artistic universe, in which mythological traditions, archetypal figures and existential themes converge in a powerful, expressive style of painting.
To mark this anniversary, Galerie Deschler presents a selection of new paintings and works by the artist, opening on 30 October 2026. The exhibition complements the presentation of the same title at Stiftung Starke, which offers a retrospective overview of earlier phases of Goñi’s work until 8 November 2026. While the exhibition at Stiftung Starke traces the artist’s development over three decades, the presentation at the gallery focuses on his current practice and the latest extensions of his thematic repertoire.
For many years, Goñi has explored Norse mythology, particularly the Norns – Urd, Verdandi and Skuld – the three figures of fate who embody the past, present and future. Rather than simply illustrating these inherited figures, his paintings transpose them into an independent visual world, where they emerge as embodiments of fundamental human experiences and existential forces.
In his new works, Goñi opens up this universe to other mythological traditions. An important source of inspiration was a visit to Tarquinia in Italy, where he explored the Etruscan tombs and their striking wall paintings. It was there that he discovered the goddess Vanth, an Etruscan figure associated with death and the underworld. His encounter with these ancient visual worlds prompted him to delve deeper into Etruscan mythology and incorporate it into his own artistic imagination.
Another source of inspiration is the Indian myth of The Churning of the Ocean of Milk. In this cosmic event, gods and demons work together to churn the ocean in their quest for the nectar of immortality. From the Ocean of Milk emerges Lakshmi, goddess of fortune, abundance and prosperity. Alongside her, Kali – associated with destruction, transformation and the dissolution of established orders – enters Goñi’s expanded mythological universe.
The Norns, Vanth, Kali and Lakshmi embody different, at times opposing, forces. Their convergence in Goñi’s works does not imply an equation of the respective belief systems, but rather reflects what religious studies scholar Ulrike Schlott describes as “amplification through interference:” archetypal qualities from different cultures overlap and intensify one another, resonate across traditions and open up new layers of meaning. Fate and death, destruction and renewal, transience and abundance thus emerge as intertwined dimensions of human experience.
With 30 Years in Berlin, Mariano Rinaldi Goñi brings together reflection and renewal. The two exhibitions celebrate three decades of artistic activity in Berlin while demonstrating the continuing openness of his painterly universe. His encounters with ancient myths and images give rise to a vibrant dialogue between cultural memory and personal imagination, between inherited symbols and a present in which these figures find new forms of expression.